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Der Fall Stefanie Giesinger

Der Name Stefanie Giesinger ist sehr vielen in der Zwischenzeit ein Begriff. Die einen kennen sie noch durch ihren Sieg bei Germany’s Next Topmodel und die anderen sind durch ihre Auftritte auf Social Media, sämtlichen Formaten im TV, YouTube etc. oder nicht zuletzt durch die Veröffentlichung ihres eigenen Podcasts GSPOT bekannt geworden.

Genau dieser Podcast hat mich auch veranlasst diesen Beitrag zu schreiben, denn hier werden Stereotypen über die Modeindustrie verbreitet, zu denen ich einige Anmerkungen habe und ebenfalls, in Anbetracht des Werdegangs Stefanies, etwas scheinheilig finde.

Im Vorfeld möchte ich jedoch klarstellen, dass es mir hier nicht um schlechte Nachrede oder Rufschädigung geht. Nehmt diesen Artikel nicht zum Anlass Hass zu verbreiten, sondern setzt euch bitte mit der Thematik an sich auseinander und habt den Mut mir zu widersprechen und euch anders positionieren. Denn genau das tue ich hier auch und das ist okay.

In der Folge „Mode ist Macht: Beyond Fashion mit Avi Jakobs“ vom 13. März 2024 wird über die Modebranche, Kleidung, Fashion und Trends gesprochen. Stefanies Gästin Avi Jakobs ist ausgebildete Hair-und-Make-up-Artistin, die dem ein oder anderem durch Queer Eye Germany bekannt ist.

Nach circa 10 Minuten fällt der Begriff Nachhaltigkeit zum ersten Mal. Es werden die riesigen Berge an Textilien, an Kleidung kritisiert, die in der westlichen Welt entstehen. Hier kann ich gleich vorwegnehmen, dass Stefanie ihre eigene Marke, die sie mit ihrem Ex-Freund Marcus Butler gründete, nicht einmal erwähnen und reflektieren wird. Dazu später mehr.

Sie hat als Lösung die Idee bereits bestehende Materialien zu zerschneiden und neu zusammennähen, sodass etwas Cooles, neues entsteht und keine neuen Materialien hergestellt werden müssen. Hier musste ich doch schmunzeln, denn so zu tun, als ob das enorme Müllproblem der Modeindustrie mit so einer Idee auch nur im Ansatz zu lösen wäre, erscheint doch sehr naiv. Und sollte man hier noch weitere Gesichtspunkt beachten, wie beispielsweise die unzähligen Arbeitsplätze, die hier im Rahmen der Lieferkette von neuen Stoffen, Textilien und Kleidung entstehen, wirkt die Idee noch naiver, als sie ohnehin schon ist.

Ab der 16. Minute beginnt das Bashing der Modebranche. Hier wird ein Bild gezeichnet, dass einige wenige alles bestimmen und dabei werden diese als die „Ruppigen“ bezeichnet, die unfreundlich und arrogant seien. Auf die Frage, warum ausgerechnet „die Bösen“ in der Branche sind und bleiben, erklärt Avi Jakobs, dass die „Ruppigen“ eher durchhalten und „die Sanften“ eher flüchten. Hier finde ich es immer kritisch, wenn sich eine Verallgemeinerung an die andere reiht, denn das Bild der bösen Modeelite ist ziemlich 90er oder maximal früher 2000er Jahre. Selbstverständlich sind solche Wahrnehmungen immer subjektiv und es gibt nicht die eine Wahrheit, aber genau deswegen ist es so wichtig zu differenzieren.

Danach kam das Thema auf, worauf ich gewartet hatte. Stefanie Giesinger erzählt, wie ihr Gewicht von Modelagenturen und Kunden kritisiert wurde. Auf gut Deutsch wurde ihr gesagt, dass sie zu dick sei. Versteht mich hier nicht falsch: Stefanie Giesinger hat einen schlanken Körper und Proportionen, die als absolut erstrebenswert gelten. Model kann nicht jeder sein und ist einer bestimmten Gruppe von Menschen mit gewissen Attributen vorenthalten, wie es bei vielen anderen Berufen auch der Fall ist. Es gilt zwischen den Jobs, die ein Model machen kann, zu differenzieren. Denn Stefanie Giesinger hatte sich für Model Jobs im High Fashion Bereich beworben und wer diese Jobs bekommen möchte, kann durchaus von Agenten zu hören bekommen, dass sich die Maße verändern müssen. Im Vergleich zu kommerzielleren Jobs, spiele die Maße im High Fashion Bereich eine größere Rolle.

Sie zog die Konsequenzen, sodass sie an Fashion Shows nicht mehr teilnehmen möchte, aber das auch erst, nachdem sie über Jahre hinweg davon profitierte. Es wurde hier ebenfalls die mangelnde Diversität auf den Laufstegen angesprochen und dass nur „weiße, dürre Mädels“ zu sehen seien, aber dennoch beschreiben die beiden das Dilemma es nicht gut zu finden, aber dennoch von den Marken eingeladen zu werden bzw. mit ihnen arbeiten zu wollen. Also mit anderen Worten: Der Zweck heiligt die Mittel. Hier seht ihr ein Beispiel, wo Stefanie Giesinger 2022, als „dürres, weißes Mädchen“ mit Louis Vuitton kooperiert. Wenn die Gage stimmt…

Sie beschreibt im Anschluss, dass es krasse Hierarchien in der Modeszene gibt und beurteilt das Ganze mit den Worten „es sollte nicht so sein“ – Es lag mir auf der Zunge zu fragen, in welcher Branche es keine Hierarchien gibt?

Aber lasst uns hier nun in die Vogelperspektive gehen: Stefanie Giesinger befindet sich ebenfalls im oberen Drittel dieser Hierarchie, wovon sie seit dem Beginn ihrer Karriere im Jahr 2014 ständig profitiert und selbst während sie diese Strukturen in ihrem eigenen Podcast kritisiert, verdient sie damit Geld. Irgendwie absurd, oder?

Im Laufe des Podcasts kommen die beiden auf das Thema Greenwashing zu sprechen. Hier wird der Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik in Dhaka, Bangladesch im Jahr 2013 als Beispiel aufgeführt, denn dort produzierten ebenfalls große Marken wie Mango, Primark oder auch C&A. Stefanie stellt die Frage, ob wir dem Versprechen der Nachhaltigkeit noch glauben können. Sie ergänzt, dass Greenwashing sehr üblich sei.

2019 gründete Stefanie Giesinger zusammen mit ihrem Freund, Marcus Butler, der ebenfalls Influencer ist, das Label Nu-in. Ebenfalls als Gründer mit aufgeführt ist der britische Unternehmer Mike Mikkelborg, der 2021 das Unternehmen verließ. Interessanterweise ist Mikkelborg auch der Gründer des Fast Fashion Labels NA-KD. Hier kommen bereits die ersten Fragezeichen auf, wie authentisch der Ansatz der Nachhaltigkeit verfolgt wurde bzw. wird oder ob es sich hier einfach nur um eine Gelegenheit handelte ein weiteres Business zu erschließen. Selbstverständlich habe ich die Angaben selbst überprüft, aber möchte hier als Grundlage gerne den Artikel von PEPPER MYNTA – THE ECO MAGAZINE, der im Jahr 2020 erschienen ist, als Quelle angeben.

Auf der Website gibt es extra einen „Sustainability“ Reiter und hier wird erklärt, dass in Portugal und Kolumbien produziert wird und es sollen nur Bio-Baumwolle, recycelte Baumwolle, Recyceltes Polyester und Polyamid sowie Ecotec-verifizierte Baumwolle und Ecovero-verifizierte Viskose verwendet werden. Hier steige ich bewusst nicht tiefer ins Thema ein, da ich nicht beurteilen kann, ob diese Angaben der Wahrheit entsprechen oder nicht. In den Preisen spiegelt sich diese Verantwortung jedoch nicht wider, da die Preise mit sämtlichen Fast-Fashion-Anbietern vergleichbar sind. Aber nehmen wir mal an, es würde sich um eine nachhaltige Marke handeln, würde Nu-in ja in selbem Maße zu der Problematik der Überproduktion in der Modebranche beitragen. Denn nachhaltige Mode ist zwar weniger schädlich, als Fast-Fashion, aber dennoch nicht gut für Umwelt. Man muss sich hier vor Augen führen, dass jedes produzierte Kleidungsstück eine Belastung für die Umwelt darstellt. Nun vermarktet Stefanie Giesinger ab 2019 ihre eigene Marke und verdient wohl auch einiges an Geld und Aufmerksamkeit damit. Irgendwann trennt sie sich von ihrem Freund, steigt bei der Marke aus und prangert in ihrem Podcast im Jahr 2024 die Modebranche an?! Nehmen wir mal an, die Marke wäre total erfolgreich gewesen, durch die Decke gegangen und sie hätte sich auch nicht von ihrem Freund getrennt – Was denkt ihr, wie oft Stefanie Giesinger die Marke Nu-in in der Podcastfolge vom 13. März erwähnt hätte?

Seid euch bitte bewusst, dass ich hier nur einzelne Stellen aus der Folge herausgenommen habe und es ebenso Passagen gibt, die durchaus stimmen. Um die Balance zu halten, möchte ich auch diese erwähnen.

So wurde beispielsweise erwähnt, dass sich die Modeindustrie auf viele unbezahlten Praktikanten stützt und als ehemaliger unbezahlter Praktikant fühlte es sich sehr gut angesehen und geschätzt zu werden. Es wird hier erklärt, dass es oft aus finanziellen Gründen nicht anders geht und daher ein Teufelskreis ist, da gleichzeitig jeder eine Produktion in Deutschland bzw. Europa begrüßt, aber keiner den Preis zahlen möchte. Außerdem fand ich sehr reflektiert und bodenständig, dass Stefanie Giesinger zugibt früher selbst viel Fast Fashion getragen zu haben, weil damit auch durchaus eine Kostenfrage einhergeht. Weitergehend wird hier der Cost per wear erklärt, also die Kosten, die man pro Tragen zu tragen hat. Beispielsweise liegt der Cost per wear bei einem 10 € T-shirt, das zehnmal getragen wird, bei einem Euro. Kostet ein T-Shirt jedoch 50 € und kann dafür aber 200 Mal getragen werden, liegen die Costs per wear bei 0,25 € – Bravo!

Hier könnt ihr euch die gesamte Folge anhören und mir gerne eure Meinung in die Kommentare schreiben:

Nachdem mir diese Aussagen etwas sauer aufgestoßen sind, habe ich mich noch weiter mit dem Fall Stefanie Giesinger beschäftigt und bin dabei auf weitere Interviews, Aussagen und Handlungen gekommen, die das Auftreten der Influencerin noch weiter beleuchten. Um hier ein umfassendes Bild zeichnen zu können, muss zuerst die Karriere der Influencerin beleuchtet werden.

Beginn der Karriere

2013 bewarb sich Stefanie Giesinger bei der neunten Staffel von Germany’s Next Topmodel. Sie war damals 17 Jahre alt und fiel in der Sendung besonders durch das Thematisieren ihrer Krankheit auf. Eine Darmfehlbildung namens Malrotation war der Grund für so einige schwere OPs und lange Krankenhausaufenthalte.

Weniger aufgefallen ist die damalige Schülerin durch Leistung. Sie wackelte sehr häufig und konnte in der gesamten Staffel nur einen Job bekommen. Dennoch konnte sie sich im großen Finale gegen ihre Konkurrentinnen, Jolina Fust und Ivana Teklic durchsetzen, die beide mehrere Jobs innerhalb der Staffel verbuchen konnten. Damit möchte ich nicht sagen, dass der Sieg unverdient war, denn sie war durchaus charismatisch und charmant, aber leider konnte man auch hier schon sehen, dass sie nicht an den Attributen eines Models und mehr an denen für eine Influencerin gemessen wurde. Dafür kann Stefanie heute nichts und die damals 17-jährige Stefanie noch weniger.

Doch bis heute wird sie als „Model“ gelabelt, was rechtlich gesehen kein Problem ist, da es sich dabei nicht um eine geschützte Berufsbezeichnung handelt, aber es wurde schnell klar, dass Stefanie Giesinger nicht aufgrund ihres Aussehens und Auftreten von großen Marken gebucht wird. Mit wachsender Followerzahl auf sämtlichen sozialen Medien wurden Marken wie Dolce&Gabbana, die VOGUE oder auch Louis Vuitton auf sie aufmerksam und buchten sie.

Hier gibt es dennoch einen Unterschied, ob man viele Follower hat, weil man von großen Namen gebucht wird oder ob man gebucht wird, weil man viele Follower hat. Heute ist Stefanie bei MINT Artist Management in Berlin unter Vertrag.

Romantisierung der Influencer

Wie oben bereits dargelegt, konnte Stefanie Giesinger nie als Model Fuß fassen. Sie träumt dennoch davon, von Victoria’s Secret gebucht zu werden. Sie kritisiert zwar in einem Interview mit deep und deutlich auf YouTube das Frauenbild und den Körperkult, den das Unterwäscherlabel verkörpert, aber sagt im nächsten Satz, dass sie dennoch für ihr Ego für die Marke laufen würde. Kritisch bewertet wird diese Aussage in den Kommentaren kaum. Aber gibt Stefanie Giesinger hier nicht frei zu, dass sie ihr eigenes Ego über das fragwürdige Handeln von Victoria’s Secret stellt?

Ein weiteres Beispiel der Romantisierung wird deutlich, als Stefanie Giesinger in einem Interview mit der Glamour über Ihre Looks spricht. Also große, weiße, hübsche cis-Frau werden ihre Looks so romantisiert, dass hier schon ein ungeschminktes Bild ausreicht, um für mehr „Echtheit“ im Netz zu sorgen.

Neben des eigenen Modelabels, wie bereits erwähnt, lancierte Stefanie Giesinger ebenfalls eine eigene Skincare Marke МОЙ in Zusammenarbeit mit dm. In der Pressemitteilung aus dem Jahr 2018 wird nicht, mit keiner Silbe, über Nachhaltigkeit der Produkte bzw. der Verpackungen gesprochen. Laut der oben erwähnten Podcast Folge scheint ihr das Thema doch sehr wichtig zu sein, aber 2018 war es wohl noch kein Trend.

Hier könnte man die Liste noch weiterführen, aber lassen wir es gut sein. Ich möchte, wie bereits erwähnt, nicht die Influencerin Stefanie Giesinger niedermachen. Sie genießt meine volle Anerkennung für das Erreichte, da sie nicht in diese Welt hineingeboren wurde. Dennoch muss ich den Vorwurf der Doppelmoral hier loswerden, da ausgerechnet die Strukturen kritisiert werden, von denen sie als Person des öffentlichen Lebens über die letzten zehn Jahre profitiert hat. Natürlich kann, darf und muss eine Person dazulernen und macht auch Fehler, aber dennoch gibt es auch hier Grenzen der Authentizität und Glaubwürdigkeit. In meinen Augen hat Stefanie Giesinger diese Grenze erreicht – Was denkt ihr?

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