Interview: FABILEUX x Linda Durmann

© Linda Durmann

Das heutige Interview ist ein sehr persönliches. Meine geschätzte Kollegin und Freundin, Linda, stellt ihre Kunst zum ersten Mal aus. Im Mittelpunkt stehen sie, ihre Kunst sowie die Vernissage am 30. Mai 2026.

Möchtest Du Dich den Leser*innen von FABILEUX einmal vorstellen: Wer ist Linda Durmann?

«Hallo, sehr gerne. Als Künstlerin lebe und arbeite ich seit fünf Jahren in Brüssel und komme ursprünglich aus Deutschland. Wenn ich nicht an etwas Visuellem arbeite, stelle ich gerade ein Mixtape zusammen oder bereite mich auf einen DJ-Auftritt vor.»

Der Anlass des Interviews ist die Arbeit an deiner ersten Ausstellung. Wovor hattest du bei dieser ersten Ausstellung am meisten Respekt?

«Die Einladung zur Ausstellung kam sehr spontan. Das machte das Ganze gleichzeitig aufregend und herausfordernd. Am meisten Respekt habe ich vor dem großen Vertrauen, das mir entgegengebracht wird. Meine erste Ausstellung nach dem Studium bedeutet für mich auch, meine Arbeit zum ersten Mal in einem größeren Rahmen zu zeigen und sie dem Blick anderer auszusetzen. Diese Verantwortung nehme ich sehr ernst. Gleichzeitig ist das natürlich auch eine große Chance, mich künstlerisch weiterzuentwickeln.»

Was bedeutet es dir, deine erste Ausstellung genau hier in Brüssel zu machen?

«Brüssel ist für mich ein besonderer Ort, weil die Kunstszene hier so viel Offenheit und Experimentierfreude ausstrahlt. Hier können ganz unterschiedliche Positionen nebeneinander bestehen, ohne dass alles sofort von festen Strukturen bestimmt wird. Genau diese Dynamik und Unvorhersehbarkeit machen es für mich so spannend, meine erste Ausstellung hier zu realisieren.»

Du bist es gewohnt, Räume mit Musik zu füllen. Jetzt füllst du einen Raum mit Bildern. Was fühlt sich verletzlicher an – ein DJ-Set oder eine Ausstellung?

«Das Gefühl, vor Publikum mit Musik zu performen, ist jedes Mal anders und bleibt eine Herausforderung, weil man ganz flexibel reagieren muss. Fehler können passieren und werden vielleicht sogar direkt bemerkt. Dabei zählt vor allem das Hier und Jetzt. Das Set entsteht im Austausch mit dem Publikum und entwickelt sich ständig weiter.

Beim Ausstellen ist es ein anderes Erlebnis. Sobald die Arbeiten im Raum sind, kann ich nichts mehr ändern. Alles muss im Vorfeld sehr bewusst entschieden sein und am Ende sollen die Werke für sich selbst sprechen.

Also würde ich sagen, eine Ausstellung fühlt sich für mich verletzlicher an: Die Arbeiten bleiben im Raum und müssen über längere Zeit ihre eigene, nachhaltige Wirkung entfalten.»

Was ist zeitaufwendiger, bevor du eine Arbeit als vollkommen ansiehst?

«Einen einstündigen Mix zu erstellen, ist sehr zeitaufwendig. Das Storytelling beginnt mit dem ersten Track und endet mit dem letzten. Durch das Internet ist das Angebot an Musik heute praktisch unendlich. Man muss deshalb sehr bewusst auswählen, reduzieren und immer wieder neu sortieren.

Bei meinen textilen Arbeiten ist die Ausgangslage dagegen viel begrenzter. Ich arbeite mit Materialien, die ihren Weg zu mir finden: Deadstock-Stoffe oder Sample-Swatches, die ich gesponsert bekomme oder auf Flohmärkten in Brüssel entdecke.

In beiden Fällen ist es am Ende aber dieser intuitive Moment, in dem ich spüre: Jetzt ist es fertig.»

Warum die Arbeit mit Textilien? Und wie wählst du die Textilien, aber auch die Formen und Dimensionen deiner Kunst aus?

«Textilien und Mode haben mich schon immer begeistert. Schon als Kind wusste ich genau, welche Kleidung ich tragen wollte. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich unbedingt eine Jacke mit Rosenmuster haben wollte, die natürlich auch die teuerste war (lacht). Dazu kam noch meine Leidenschaft fürs Zeichnen und für Illustration – da waren mein Studium in Textildesign in Hamburg und später der Master in Textil und Kunst in Linz nur die logischen nächsten Schritte.

Heute interessieren mich vor allem die Materialität von Textilien und ihre unterschiedlichen Ausdrucksformen. Vor allem die Art, wie Stoffe den Körper umhüllen, ihn formen und eine zweite Haut bilden können.

In meinem aktuellen Projekt kombiniere ich transparenten Nylonstoff, der quasi wie Haut agiert, mit Stoffproben aus der Modeindustrie.

Aus einzelnen Fragmenten entsteht eine größere textile Oberfläche, in der sich Spuren von Körperlichkeit, Mode und industrieller Produktion überlagern.

Die Formen entwickeln sich meistens direkt aus dem vorhandenen Material, und die endgültigen Dimensionen ergeben sich erst in dem Moment, in dem ich das Werk dehne und auf den Rahmen spanne.»

Arbeitest du intuitiv oder gibt es einen klaren Plan, bevor du beginnst?

«Meistens habe ich schon eine vage Vorstellung, wie das Werk am Ende aussehen soll. Das hilft mir beim Einstieg. Das endgültige Ergebnis entwickelt sich dann aber oft in eine ganz andere Richtung. Ein klarer Plan würde meinen Arbeitsprozess eher einschränken. Die Eigenständigkeit textiler Materialien und mein gefühlsbetonter Zugang zur Arbeit lassen sich schwer mit einer fest vorgegebenen Struktur vereinbaren.»

Wie sieht für dich die ideale Arbeitsumgebung aus?

«Momentan arbeite ich in meinem improvisierten Atelier zu Hause. Da habe ich zwar genug Platz für meinen manchmal etwas chaotischen Arbeitsprozess, aber ideal wäre natürlich ein größeres, eigenes Atelier. Dann müsste ich auch nicht jeden Tag alles wieder aufräumen.

Das ist aber alles zweitrangig. Wichtiger ist ein klarer Kopf, frei von Stress und Sorgen, und vor allem innere Gelassenheit

Bei deinen bisherigen Kunstreihen wie “Stretched”, “Pieces of Larger Whole” oder “Sample 01” hast du mit Stoffresten gearbeitet – Wie sollte der Betrachter den Flickenteppich an Textilien verstehen? Was soll jemand fühlen, der zufällig hereinstolpert und nichts über dich und deine Kunst weiß?

«Auf den ersten Blick sieht meine Arbeit aus wie eine klassische Patchworkarbeit. Die Eigenart der einzelnen Werke soll aber den Blick einfangen und dazu anregen, genauer hinzusehen. Welche Stimmung entsteht? Welche vestimentären Codes verbergen sich in den unterschiedlichen Stoffmaterialitäten? Wo wirkt die Arbeit fragil und verletzlich und wo stark und klar?

Diese Details, das Zusammenspiel der Materialien und das bewusste Ausbrechen aus starren Rastern erzeugen eine Atmosphäre, die den Betrachter emotional berühren kann.»

Wenn deine Arbeiten ein Geräusch hätten – wären sie eher Spannung, Stille oder ein Knacken?

«Wahrscheinlich gespannte Stille.

Vielleicht das leise Reißen eines Fadens oder das kaum hörbare Spannen einer Oberfläche. Meine Arbeiten wirken ruhig, tragen aber immer eine unterschwellige Spannung in sich.»

Wenn jemand in deiner Ausstellung nur einen Blick erhascht – welches Detail sollte er sehen?

«Er sollte die Spannung zwischen Materialität und Körperlichkeit, zwischen Dichte und Transparenz sehen. Der Blick soll hängenbleiben und die Hände sollten zum Fühlen verleitet werden. Die natürliche Unvollkommenheit des Körpers und die Perfektion, die der Stoff beziehungsweise die Bekleidung erreichen wollen, sollen zum Ausdruck kommen.»

Welche falsche Interpretation würdest du begrüßen, statt sie zu korrigieren?

«Für mich gibt es kein richtig oder falsch, wenn es um die Interpretation meiner Arbeit geht. Die Textilien, die Oberflächen, die Spannung zwischen Körperlichkeit und Material – sie entfalten ihre Wirkung unabhängig von meinen Absichten. Jede Lesart ist erlaubt. Wenn ein Betrachter etwas sieht, das ihn berührt, Fragen aufwirft oder neue Assoziationen weckt, ist das gut so. Meine Arbeit steht für sich. Sie erzählt ihre eigene Geschichte über Material, Struktur und Körperlichkeit. Was sie bedeutet, entsteht im Austausch mit den Betrachtenden – nicht durch meine Idee dahinter.»

Würde es dich irritieren, wenn jemand deine Arbeit zu schnell versteht – oder wäre das ein Kompliment?

«Mich würde es eher irritieren, wenn meine Arbeit nicht verstanden wird. Bekleidungstextilien tragen starke kulturelle Codes und sprechen oft für sich. Ein grauer Jersey-Stoff vermittelt sofort Entspannung, ein Blumenprint erinnert an sonnige Tage. Wenn die Grundidee schnell verstanden wird, sehe ich das als Kompliment. Es bedeutet, dass ich beim Betrachter Verbundenheit und Verständnis auslösen konnte. Ich freue mich, wenn Kunst direkt berührt und inklusiv zugänglich ist.»

Wenn jemand sagt: „Das könnte ich auch“, was löst das in dir aus?

«Das wäre für mich erst mal eine legitime Aussage. Ich kenne diesen Gedanken selbst. Aber etwas scheinbar Einfaches zu gestalten, erfordert immer ein gut durchdachtes Konzept. Die Herausforderung liegt darin, dass das Werk in seiner Schlichtheit eigenständig stehen kann. Wenn ich selbst denke ‚Das könnte ich auch‘, sehe ich darin auch eine Einladung, selbst kreativ zu werden.»

Wie soll es für Dich und Deine Kunst weitergehen?

«Ich möchte die Sprache der Textilien noch tiefer erforschen und die Geschichten zeigen, die in Material und Bekleidung stecken. Die Arbeit soll dabei zugänglich bleiben, Menschen direkt ansprechen und sie dazu einladen, selbst zu fühlen und zu nachzuspüren. Für mich ist Kunst ein fortlaufender Dialog mit Materialien, mit Menschen und mit der Welt um uns herum. Gerade heute, im Kontrast zu unserer digitalen Touchscreen-Welt.»

Gibt es eine Frage, die ich Dir noch stellen sollte?

«Ich würde gern noch was zum Ausstellungsort sagen. Die Ausstellung findet nämlich im Paradis Superstore statt, das von David Carette gegründet wurde. Dieser besondere Concept Store ist ein kultureller Treffpunkt in Brüssels Uptown. Dort treffen unabhängige Mode, Kunstbücher und Designobjekte aufeinander und bilden eine eigene kleine lebendige Welt. Jeder Gegenstand, jedes Kleidungsstück, jede Publikation erzählt eine Geschichte. Genau diese Mischung passt perfekt zu meiner Arbeit.»

Vielen Dank für Dein Vertrauen, Linda!


English Version

Interview: FABILEUX x Linda Durmann

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© Linda Durmann

Today’s interview is a very personal one. My esteemed colleague and friend Linda is presenting her art for the first time. The focus will be on her, her work, and the vernissage on May 30th, 2026.

Would you like to introduce yourself to the readers of FABILEUX: Who is Linda Durmann?

«Hello, with pleasure. As an artist, I’ve been living and working in Brussels for five years, and I’m originally from Germany. When I’m not working on something visual, I’m putting together a mixtape or preparing for a DJ performance

The reason for this interview is the work on your first exhibition. What did you have the most respect for with this first exhibition?

«The invitation to the exhibition came very spontaneously, which made the whole experience both exciting and challenging. What I respect most is the great trust placed in me.

«My first exhibition after graduating also means showing my work for the first time in a larger context and exposing it to the gaze of others. I take this responsibility very seriously. It is, of course, also a great opportunity for me to further develop artistically.»

What does it mean to you to have your first exhibition here in Brussels?

«Brussels is a special place for me because the art scene here radiates so much openness and a spirit of experimentation. Very different positions can exist side by side here without everything being immediately determined by fixed structures. It is precisely this dynamic and unpredictability that makes it so exciting for me to realize my first exhibition here.»

You are used to filling spaces with music. Now you are filling a space with artworks. What feels more vulnerable – a DJ set or an exhibition?

«Performing music in front of an audience feels different each time and is always a challenge, as you have to adapt on the spot. Mistakes can happen and might even be noticed immediately. What matters most is the here and now. The set is created in communication with the audience and constantly evolves.

It’s a different experience when showing artworks. Once the artworks are in the space, I can no longer change anything. Everything has to be decided very consciously in advance, and in the end, the works should speak for themselves.

So I would say that an exhibition feels more vulnerable to me: the artworks remain in the space and must unfold their own lasting impact over time.»

Which takes more time before you consider a work complete?

«Creating a one-hour mix is very time-consuming. The storytelling starts with the first track and ends with the last. With the internet, the music available today is practically endless. You therefore have to choose carefully, reduce, and constantly rearrange. For my textile work, the starting point is much more limited. I create with materials that find their way to me: deadstock fabrics or sample swatches that I receive as sponsorships or discover at flea markets in Brussels.
In both cases, however, there is this intuitive moment in the end when I feel: now it’s finished.»

Why work with textiles? And how do you choose the textiles, as well as the shapes and dimensions of your art?

«I have always been fascinated by textiles and fashion. Even as a child, I knew exactly which clothes I wanted to wear. I remember, for example, being desperately in need of a jacket with a rose pattern, which, of course, was also the most expensive one (laughs).

In addition, there was my passion for drawing and illustration — so studying textile design in Hamburg and later completing a Master’s in Textile and Art in Linz were simply the logical next steps. Today I am particularly interested in the materiality of textiles and their different forms of expression. Especially the way fabrics wrap around the body, shape it, and create a second skin.
In my current project, I combine transparent nylon fabric, which almost acts like skin, with fabric samples from the fashion industry.

From individual fragments, a larger textile surface emerges, where traces of physicality, fashion, and industrial production overlap.

The shapes usually develop directly from the available material, and the final dimensions only become clear when I stretch the work and mount it onto the frame.»

Do you work intuitively, or is there a clear plan before you begin?

«Most of the time, I already have a vague idea of what the work might look like in the end. That helps me get started. But the final result often develops in a completely different direction.
A strict plan would rather limit my creative process. The autonomy of textile materials and my intuitive way of working are difficult to reconcile with a rigidly predefined structure.»

What does the ideal working environment look like for you?

«At the moment, I work in my improvised studio at home. I have enough space for my sometimes rather chaotic process, but ideally I would of course have a larger, dedicated studio. Then I wouldn’t have to tidy everything up again every day.
But that is all secondary. What matters more is a clear mind, free from stress and worries, and above all, inner calm

In your previous series, such as “Stretched”, “Pieces of Larger Whole”, or “Sample 01”, you worked with fabric remnants – how should the viewer understand this patchwork of textiles? What should someone feel who randomly stumbles in and knows nothing about you or your art?

«At first glance, my work may look like a classic patchwork piece. But the particular character of the individual works is meant to capture the viewer’s attention and encourage a closer look.
What kind of mood emerges? Which vestimentary codes are hidden in the different materialities of the fabrics? Where does the work appear fragile and vulnerable, and where strong and clear?
These details, the interplay of materials, and the conscious breaking out of rigid grids create an atmosphere that can emotionally engage the viewer.»

If your work had a sound – would it be tension, silence, or a crack?

«Probably tense silence. Perhaps the quiet tearing of a thread or the barely audible stretching of a surface. My work appears calm, but it always carries an underlying tension

If someone only catches a quick glimpse of your exhibition, which detail should they notice?

«They should notice the tension between materiality and physicality, between density and transparency. The gaze should linger, and the hands should be tempted to touch.
The natural imperfection of the body and the perfection that the fabric – or clothing – aims to achieve should come through.»

Which „misinterpretation“ would you embrace rather than correct?

«For me, there is no right or wrong when it comes to interpreting my work. The textiles, the surfaces, the tension between physicality and material – they unfold their effect independently of my intentions.

Every reading is allowed. If a viewer sees something that moves them, raises questions, or sparks new associations, that is a good thing.
My work stands on its own. It tells its own story about material, structure, and physicality. Its meaning emerges in exchange with the viewer – not through my idea behind it.»

Would it bother you if someone understands your work too quickly – or would that be a compliment?

«It would bother me if my work is not understood. Clothing textiles carry strong cultural codes and often speak for themselves. A grey jersey fabric immediately conveys relaxation, and a floral print reminds one of a sunny day.

If the basic idea is quickly understood, I see it as a compliment. It means that I was able to create a sense of connection and understanding for the viewer. I am happy when art touches directly and is inclusively accessible

If someone says, “I could do that too,” what does that trigger in you?

«At first, I would consider that a perfectly legitimate statement. I’m familiar with that feeling. But creating something that appears simple always requires a well-thought-out concept.
The challenge lies in making the work stand independently in its simplicity. When I catch myself thinking, “I could do that too,” I also see it as an invitation to be creative myself.»

How would you like things to continue for you and your art?

«I would like to explore the language of textiles even more deeply and reveal the stories that lie within material and clothing. The work should remain accessible, speak directly to people, and invite them to feel and sense for themselves.

For me, art is an ongoing dialogue with materials, with people, and with the world around us. Especially today, in contrast to our digital touchscreen world.»

Is there a question I should still ask you?

«I would like to say something about the exhibition venue. The show is taking place at Paradis Superstore, which was founded by David Carette. This special concept store is a cultural meeting point in Brussels’ Uptown. Independent fashion, art books, and design objects meet there and form their own small, vibrant world. Every object, every garment, every publication tells a story. This unique mix feels like a perfect match for my work.»

Thank you so much for your trust, Linda!