Interview: TATi über Strick & die Industrie

Tatjana Haupt gewann 2023 die Auszeichnung der Wilhelm-Lorch-Stiftung für ihre Kollektion „The Power of my Hands“, mit der sie an dem Pariser Mode-Institut IFM den Master-Abschluss absolvierte.

Genau hier haben wir uns getroffen, da ich ebenfalls, gemeinsam mit meiner Co-Autorin, Kathleen, zu den Gewinnern gehörte. Seitdem verfolge ich ihren Weg über Instagram und habe mich daher rießig über ihre Zusage zu meiner Interviewanfrage gefreut.

© Katharina Dubno Photography
Alle Preisträger am Tag der Verleihung – Tati kniet ganz links außen, während Kathleen und ich ebenfalls kniend ganz rechts im Bild zu sehen sind.

Die Kraft der Hände steht bei Tatjanas Arbeit einerseits für das Handwerk der Mode – Stricken, Sticken, Häkeln und zugleich für die Kraft von Frauen, sich zu emanzipieren und neue Wege zu gehen. Geprägt haben sie dabei vor allem ihre Mutter und Großmutter: Während die eine hervorragend häkelte und strickte, jedoch zeitlebens Hausfrau blieb, brach die andere aus. Vom Punk zur Informatikprofessorin und heutigen Leiterin des Fachbereichs Computer Science an der Universität Basel.

Mehr über Tatjanas Werdegang und wie sie mit ihrer Brand dahin kam, wo sie heute steht, könnt ihr in unserem Interview nachlesen.


Geführt haben wir das Gespräch am 2. August 2025.


Das Interview

Meine erste Frage: Stell dich und dein Label doch kurz vor. Was sollen die Leser über dich und „Tati Things“ wissen? Erzähl uns auch gerne ein wenig über deinen Werdegang – wie bist du zu dem gekommen, was du heute machst?

Tati: „Ich habe Modedesign an der HGK (Hochschule für Gestaltung und Kunst) in Basel studiert und während meines Studiums ein Austauschsemester an der Royal Academy of Arts in Den Haag gemacht. Dort habe ich zum ersten Mal Strick an der Maschine kennengelernt – mir war gar nicht bewusst, dass man überhaupt maschinell strickt. Gleichzeitig habe ich dort auch textile Kunst und Textildesign für mich entdeckt.

Zurück in Basel habe ich mein Bachelorstudium abgeschlossen. Das war mitten in der Pandemie und ich bin dann direkt in den Master an der IFM, dem Institut Français de la Mode in Paris, eingestiegen. Dort habe ich mich auf Strick spezialisiert, also Fashion Design mit Fokus auf Knitwear. Ich habe unter anderem gelernt, an Industriemaschinen zu programmieren, zum Beispiel an der Stoll-Maschine, mit der wir auch im Studium gearbeitet haben.

Nach meinem Abschluss war ich zunächst bei Kenzo tätig und habe anschließend freiberuflich gearbeitet. Während dieser Zeit habe ich erfahren, dass es in meiner Familie mütterlicherseits im Allgäu früher eine Strickerei gab. Die Region war einmal bekannt für ihre Textilproduktion, auch wenn das heute stark zurückgegangen ist.“

Weißt du, wann genau diese Strickerei betrieben wurde?

Tati: „Ich glaube, sie haben vor etwa 25 Jahren geschlossen – also liefen sie bis in die frühen 2000er. Ich denke, sie haben irgendwann zwischen den 1990er-Jahren und 2000 beschlossen, aufzuhören. Sie haben damals sogar ein eigenes Sportswear-Label geführt“.

Spannend. Und wie ging es für dich weiter nach der Arbeit bei Kenzo?

Tati: „Mir ist in der Zeit klar geworden, dass man in großen Marken, besonders im Corporate-Kontext, oft sehr weit weg von der eigentlichen Produktion ist. Natürlich produzieren einige Häuser, etwa Dior oder manche italienischen Labels, noch in Norditalien oder Portugal. Aber ein Großteil – ich schätze etwa 80 % – wird inzwischen in China gefertigt.

Was mir fehlte, war das Arbeiten mit den Händen und der direkte Zugang zur Produktion. Stattdessen sitzt man viel vor dem Bildschirm, entwirft auf Illustrator oder InDesign – es ist einfach wenig „hands-on“. Das kann je nach Marke zwar unterschiedlich sein, aber ich habe gemerkt: Ich will das nicht auf Dauer.

Als ich dann von der Strickerei in meiner Familie erfuhr, hat das in mir etwas ausgelöst. Ich wollte herausfinden, ob vielleicht noch Maschinen existieren, ob da noch ein Zugang möglich ist. Leider war die Strickerei längst geschlossen.

Aber eine Kollegin bei Kenzo hat mich auf eine italienische Plattform aufmerksam gemacht, sozusagen das italienische eBay, subito.it. Dort habe ich nach Strickmaschinen gesucht und bin auf eine Anzeige gestoßen: Eine Frau verkaufte im Auftrag ihrer Mutter Maschinen aus einer alten Werkstatt.

Vielleicht war es auch ein bisschen naiv, aber ich dachte nur: Schluss mit Paris, zurück an den Rhein! Ich bin dort aufgewachsen, direkt an der Grenze zu Basel. Also habe ich meine Eltern motiviert, wir sind nach Italien gefahren und haben die Maschinen abgeholt.

Zunächst habe ich mein Studio in der Garage meiner Eltern aufgebaut, aber das wurde schnell zu klein.“

Ich frage da kurz zwischen: Gerade als junge Designerin kann das Finanzielle eine echte Herausforderung sein. Die Privatuni kostet, die Maschinen sicher auch. Wie hast du das gestemmt? Unterstützung? Rücklagen?

Tati: „Am Anfang habe ich viel freiberuflich gearbeitet. Und ehrlich gesagt: Ich habe bei jedem Modewettbewerb mitgemacht, den ich finden konnte – auch international. Einige davon habe ich sogar gewonnen.“

Und du hast also bei deinen Eltern gewohnt und dort dein Studio aufgebaut, richtig?

Tati: „Genau. Ich habe mir damals in der Garage meiner Eltern ein Studio eingerichtet und einfach angefangen. Zu Beginn war mir noch nicht ganz klar, in welche Richtung ich genau gehen wollte. Ich dachte zunächst, ich könnte über Aufträge für andere Geld verdienen und gleichzeitig mein Portfolio erweitern. Ich hatte ja bereits für Charles Jeffrey Loverboy, Kenzo und eine weitere Printdesignerin namens Chanida Voraphitak gearbeitet – alle in einem ähnlichen kreativen Universum, mit starken Farben und einer klaren Identität.

Anfang letzten Jahres habe ich dann noch Aufträge für junge Designer*innen übernommen – das war noch alles aus der Garage heraus. Kurz danach habe ich einen Förderpreis von Pro Helvetia erhalten, was für mich ein großer Push war. Ich wusste: Jetzt ist der Moment gekommen, mich voll und ganz auf meine eigene Arbeit zu konzentrieren. Und eigentlich, wenn ich ehrlich bin, habe ich erst im Juni letzten Jahres wirklich zu 100 % an meinen eigenen Projekten gearbeitet.“

Tati Things – das war dein Start?

Tati: „Genau. Die Brand hieß am Anfang einfach „Tati Things“, weil ich gefühlt alles Mögliche gemacht habe. Ich war mir selbst noch nicht ganz sicher: Ist das jetzt Consulting? Ist es doch eine eigene Marke? Ich war noch auf der Suche. Der Name spiegelte genau das wider – eben „so many things“.

Und wie kam dann der Punkt, an dem du dich ganz deiner eigenen Marke verschrieben hast?

Tati: „Nach meinem Master habe ich viele Anfragen von Concept Stores erhalten, vor allem von unabhängigen Läden. Das war noch während oder kurz nach der Pandemiezeit, vieles lief noch online. Einer der Stores war der Apoc Store, der relativ groß ist. Ich merkte aber schnell: Ich will mich eigentlich auf meine eigene Arbeit konzentrieren, hatte aber weder den Raum noch die Kapazität.

Im Juni letzten Jahres bin ich dann in ein richtiges Studio in Basel gezogen. Seitdem arbeite ich wirklich zu 100 % an meiner Brand. Heute nenne ich sie einfach nur noch „Tati“.“

Strick ist ja ein zentraler Bestandteil deiner Arbeit. Meine erste Assoziation ist meine Oma. Sie strickt bis heute gerne. Für mich hat das was Warmes, aber irgendwie auch etwas weniger Modernes. Wie kam es, dass du dich für Strick entschieden hast? War das dein eigener Schwerpunkt im Studium oder vorgegeben?

Tati: „Tatsächlich war mein Master ganz klar auf Strick spezialisiert. Man bewirbt sich für das Programm in dem Wissen, dass man sich ausschließlich damit beschäftigt. Es ist ein sehr kleiner Studiengang, damals waren wir nur acht Leute, inzwischen sind es, glaube ich, zwölf.

Für mich war das auch eine strategische Entscheidung: Ich wusste noch nicht, ob ich später meine eigene Marke gründen würde. Mein Ziel war eher, durch die IFM die richtigen Kontakte zu knüpfen, um später vielleicht für ein größeres Label zu arbeiten. Aber ich wollte mich unbedingt spezialisieren, weil der Markt extrem kompetitiv ist und eine Spezialisierung Türen öffnet.

Ich war mir nicht sicher, ob es Textil, Strick oder Accessoires werden sollte. Letztlich hat mich Strick einfach überzeugt – das Material, die Haptik, die Möglichkeiten.

Und strickst du tatsächlich auch selbst von Hand?

Tati: (Lacht.) „Lustigerweise bin ich gar keine leidenschaftliche Handstrickerin. Ich häkle ganz gern, aber im klassischen Sinne würde ich mich nicht als Strickerin bezeichnen. Was mich fasziniert, ist vor allem die Technik hinter industriellem Strick. Viele wissen nicht, wie technisch das eigentlich ist. Zum Teil ist das pure Programmierung. Und interessanterweise sind es häufig Männer, die diese Maschinen programmieren, nicht Frauen.

Die Firma Stoll, zum Beispiel, deren Maschinen ich auch benutze, hat ihren Hauptsitz in Reutlingen in Deutschland. Hinter dem Strick steckt viel mehr, als die meisten denken. Nike oder Adidas nutzen beispielsweise auch gestrickte Komponenten für ihre Sportschuhe. Strick ist also keineswegs altmodisch, sondern hochmodern und technologisch.

Also eher nerdy als nostalgisch?

Tati: „Total. Ich mochte gerade diese nerdige, fast schon mathematische Komponente. Viele aus dem Fashion-Design-Bereich haben großen Respekt vor Strick, weil es so technisch ist. Es erfordert viel Präzision, Planung und Verständnis. Das hat mich gereizt, sodass ich noch tiefer einsteigen und wirklich verstehen wollte, was hinter der Oberfläche steckt.“

Gerade im Bereich Mode scheinen viele Angst davor zu haben, sich zu sehr zu spezialisieren – Wie erlebst du das?

Tati: „Ja, das Gefühl kenne ich. Viele denken, wenn sie sich zu sehr in eine Nische begeben, schränken sie ihr Portfolio zu stark ein. Aber ich sehe das ganz anders. Genau in der Nische liegt oft der größte Vorteil. Gerade weil man sich damit ein Alleinstellungsmerkmal schafft. Bei mir ist es eben das Stricken. Damit kennen sich nicht viele wirklich aus. Ich habe mir über die Zeit eine Expertise aufgebaut, die mir einen ganz klaren Vorteil verschafft. Wenn jemand etwas mit Strick machen möchte, ist der Markt an Wettbewerbern vergleichsweise klein und genau da komme ich ins Spiel.“

Was bedeutet diese Spezialisierung auf Strick für dich persönlich?

Tati: „Für mich war das ehrlich gesagt ein sehr bewusster, fast schon strategischer Schritt. Selbst wenn ich meine Brand irgendwann nicht mehr aktiv weiterführe, bleibt diese Expertise bestehen. Ich könnte jederzeit in den Bereich Consulting wechseln, denn die Anfragen kommen ja jetzt schon.

Was mich daran fasziniert, ist aber nicht nur der berufliche Nutzen. Stricken interessiert mich wirklich, obwohl das früher nicht immer so war! Meine Oma hat wahnsinnig viel gestrickt, aber ich habe ihre Pullis damals nicht getragen. Meine Mutter hat mich zwar manchmal überredet, sie anzuziehen, aber ich fand sie furchtbar. Trotzdem hat mich das Thema nie ganz losgelassen.

Heute sehe ich Stricken als ein kreatives Werkzeug, mit dem ich meine eigene Welt erschaffen kann. Ich habe keine Lust, einfach nur einen grauen Pullover zu stricken – das kann ich, klar, aber das reizt mich nicht. Ich liebe es, Strick als Medium für meine Ideen zu nutzen. Es ist Ausdruck meiner Kreativität, und ich glaube, das ist genau das, was mich so sehr daran bindet und antreibt.“

Wie sieht dein kreativer Prozess beim Design aus? Arbeitest du zuerst mit Skizzen oder fängst du direkt digital an?

Tati: „Ich arbeite eigentlich sehr konzeptuell. Meistens beginnt alles mit einem Moodboard. Ich sammle visuelle Inspirationen und entwickle ein übergeordnetes Konzept. Danach überlege ich, wie ich das visuell und grafisch übersetzen kann.

Dann folgt das Farbmoodboard, und in dem Zuge recherchiere ich auch passende Garne. Gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeit ist das ein sehr wichtiger Schritt. Danach erstellen wir Farbproben mit verschiedenen Garnen und testen, wie sie sich verhalten, wie Farben wirken, wie sich die Materialien anfühlen.“

Also gehst du vom Material aus zur Grafik und nicht umgekehrt?

Tati: „Genau. Die Grafik wird dann in das Material übersetzt. Wir stricken erste Samples, häufig schon maschinell. Dieser Sampling-Prozess nimmt viel Raum ein. Wir haben immer eine Menge Musterstücke, aus denen wir dann auswählen, was weiterentwickelt wird.

Sobald wir beim Material sicher sind, kommt die Form ins Spiel. Ich entwerfe die Schnitte, oft sind die Formen relativ schlicht, da es sich um Ready-to-Wear handelt. Dann wird das Strickmuster auf den Schnitt abgestimmt, das heißt, es muss alles genau berechnet werden, weil wir mit Formstrick arbeiten. Dadurch entsteht kaum Abfall – wir stricken direkt auf Maß.“

Formstrick bedeutet also, dass zum Beispiel ein T-Shirt direkt in seiner endgültigen Form gestrickt wird, richtig?

Tati: „Genau. Es wird nicht erst ein Stoff produziert, aus dem dann ein Teil zugeschnitten wird. Stattdessen wird die Form direkt gestrickt – komplett ohne Verschnitt.

Du sprichst häufig im Plural: Wie sieht dein Team eigentlich aus?

Tati: „Im Grunde bin das ich und meine Praktikantinnen. Meistens habe ich zwei bis drei gleichzeitig. Ich bilde sie auch aus, viele bringen zwar einen gewissen Background mit, aber sie bekommen bei mir erstmal einen zweiwöchigen Crashkurs und werden dann direkt ins Projektgeschäft eingebunden. Dadurch lernen sie extrem viel in kurzer Zeit.“

Ich frage mal direkt: Sind die Praktika bezahlt?

Tati: „Die Praktika selbst sind unbezahlt, ja. Aber ich stelle Mittagessen und übernehme den Transport. Wenn sie bei Projekten mitarbeiten, etwa bei Reisen nach Paris oder Italien, dann übernehme ich auch Unterkunft und Zugkosten. Das gehört für mich dazu.

Zudem bekommen sie ein Zimmer gestellt, was über meine Eltern läuft. Sie besitzen das Haus, und es gibt dort ein freies Zimmer, das die Praktikantinnen kostenlos nutzen können. Die meisten nehmen das Angebot gerne an.“

Okay, das klingt fair. Ich erinnere mich an eigene Praktika, da habe ich deutlich weniger bekommen.

Tati: „Das ging mir genauso. In meinen ersten Praktika habe ich nichts bekommen – kein Essen, keine Unterstützung, gar nichts. Ich habe teilweise 12-Stunden-Tage geschoben, ohne Pausen oder Verpflegung. Deshalb versuche ich, es heute besser zu machen. Klar, ich kann nicht alles bezahlen, aber ich gebe, was ich geben kann. Und die meisten kommen mit Erasmus-Förderung, sind noch im Studium und sie wissen auch, dass sie bei mir sehr viel lernen können.“

Lass uns noch kurz über deine Kollektion sprechen. Du arbeitest ja nicht rein projektbasiert – wie funktioniert der Verkauf deiner Stücke?

Tati: „Ich arbeite mit einigen Concept Stores zusammen, sowohl physisch als auch online. Man kann meine Stücke über meine eigene Website kaufen, aber auch über kuratierte Plattformen oder Instagram.“

Wenn ich bei dir im Webshop bestelle, was passiert dann? Produzierst du on demand?

Tati: „Das kommt ganz auf das Produkt an. Manche Teile haben wir auf Lager, die gehen direkt raus. Andere sind Made-to-Order, hier dauert es zwischen einer und drei Wochen, je nachdem, wie aufwendig das Stück ist.“

Welche Concept Stores führen aktuell deine Kollektion?

Tati: „Aktuell bin ich unter anderem bei Apoc Store vertreten. Bald kommt auch Fussy in New York dazu. Das ist super aufregend. Und in Tokio gibt es auch bald einen Store, der meine Sachen führt.“

Wie ist die Zusammenarbeit mit diesen Stores organisiert? Arbeiten sie auf Kommission oder kaufen sie deine Stücke vorab ein?

Tati: „Das ist unterschiedlich. Bei Apoc Store, einem reinen Online-Store (sie haben jetzt auch ein physisches Geschäft in London), läuft alles über Kommission. Das heißt, ich behalte die Ware, sie promoten mich auf ihren Kanälen und erhalten 30 – 40 % bei Verkauf. Sobald ein Stück gekauft wird, bekomme ich eine E-Mail und verschicke es dann selbst.“

Ja, aber vielleicht kann ich kurz etwas zum Thema Nachhaltigkeit sagen.

Tati: „Nachhaltigkeit ist mir wirklich sehr wichtig. Ich finde es allerdings oft etwas cringe, wenn Marken einfach ein großes Nachhaltigkeitsschild aufhängen. Für mich bedeutet das eher, dass ich auf Inhouse-Produktion setze. Ich achte sehr darauf, Materialien zu verwenden, die entweder 100 % recycelt sind – wir arbeiten zum Beispiel viel mit recyceltem Jeansgarn oder aus reiner Wolle bestehen. Außerdem versuche ich modular zu arbeiten. Das heißt, man kann die Kleidungsstücke auseinandernehmen, falls sie irgendwann entsorgt werden sollten. So etwas erleichtert das Recycling oder Upcycling.

Verstehe. Cool. Was ist denn aktuell dein Bestseller?

Tati: „Meine Bestseller sind tatsächlich meine Upcycling-Ketten. Die sind ziemlich beliebt.“

Dann vielleicht eine etwas allgemeinere Frage: Was hat dich eigentlich dazu inspiriert, Modedesign zu studieren und in diese Richtung zu gehen?

Tati: „Also, ich habe zuerst einen Vorkurs an der Schule für Gestaltung in Basel gemacht. Damals dachte ich noch, ich würde Grafikdesign oder Kunst auf Lehramt studieren, weil ich einfach keine Ahnung hatte, was es alles gibt. Kreativ sein bedeutete für mich damals eben Grafik oder Kunst. Beim Vorkurs habe ich verschiedene Universitäten angeschaut und war auf einem Open Day. Zufällig bin ich am Modedesign-Department vorbeigelaufen und die Textilproben und die Kleidung haben mich sofort fasziniert. Spontan habe ich mich dort beworben. Ich glaube, ich hatte Glück, überhaupt aufgenommen zu werden, weil ich damals echt ein Noob war. Mein Portfolio war quasi noch gekauft. Ich war sehr jung und unerfahren, aber ich wollte mich ausprobieren. Eigentlich wollte ich ursprünglich freie Kunst machen, aber das kam mir damals zu unsicher vor. Modedesign fühlte sich sicherer an, weil ich dachte, danach könnte ich vielleicht für eine Firma arbeiten. Am Ende habe ich aber gelernt: Sicherheit gibt es in der Modebranche kaum.“

Das stimmt, Sicherheit und Mode passen oft nicht zusammen. Darf ich fragen, wie alt du beim Studienstart warst?

Tati: „Den Vorkurs habe ich mit 19 gemacht. In der Schweiz nennt man das „Vorkurs“, in England ist das so ein Foundation-Kurs. Das ist quasi eine Art Grundstudium vor dem eigentlichen Modedesign-Studium, das ich dann mit 20 begonnen habe.“

Ziemlich jung, oder?
Tati: „Ja, ich war wirklich jung. Einige meiner Kommilitonen haben das Studium als Zweitstudium gemacht, da war ich oft die Jüngste und vielleicht auch ein bisschen naiv.“

Noch eine generelle Frage: Was sind aktuell deine größten Herausforderungen als junge Designerin?

Tati: „Ich würde sagen, es sind vor allem mentale Herausforderungen. Finanziell habe ich inzwischen eine gewisse Balance gefunden, es läuft Schritt für Schritt voran. Aber mental ist es oft schwierig, jeden Tag an sich selbst zu glauben, vor allem als junge Frau in der Entrepreneurship-Welt. Man wird nicht immer ernst genommen, fühlt sich manchmal unterschätzt oder bemitleidet. Viele meiner ehemaligen Kommilitonen arbeiten inzwischen bei großen Marken wie Burberry, Louis Vuitton oder Dior. Und ich mache mein eigenes Ding. Das ist sehr hart, jeden Tag den Glauben an sich zu bewahren und weiterzumachen. Finanziell hätte ich diese Herausforderungen wohl auch, wenn ich für jemanden anderen arbeiten würde. Für mich ist es einfach diese innere Überzeugung, an sich selbst zu glauben, die größte Herausforderung.“

Das klingt wirklich spannend und auch herausfordernd. Hast du ein konkretes Beispiel, wann dir das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, besonders aufgefallen ist?

Tati: „Ich habe an vielen Entrepreneurship-Programmen teilgenommen, in der Schweiz, Deutschland und Frankreich. Bei einem Programm in Deutschland fühlte ich mich zum Beispiel bemitleidet, weil ich so jung bin. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, nicht ganz ernst genommen zu werden, vielleicht auch, weil ich eine Frau bin. Die Leute waren alle unterschiedlich alt und sehr erfahren im Textil-Bereich, und ich kam mir da oft wie das Küken vor.“

Interessant. Man merkt oft, dass gerade junge Frauen in kreativen Bereichen nicht immer die Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Mode ist eine weiblich geprägte Branche, aber oft nicht ernst genommen. Ich merke das auch, wenn ich kulturelle Projekte teile, die mich begeistern. Es wird oft belächelt oder nicht verstanden, weil es nicht unbedingt tragbar ist. Aber Mode, wie auch Kunst, hat nicht immer den Anspruch, für jeden Alltag zu sein. Es geht oft um Design, Statement und Identität. Ein Porsche ist auch kein Familienauto, sondern ein Sportwagen. So sehe ich auch Haute Couture, sie muss nicht massentauglich sein, sondern Ausdruck von Kreativität und Kultur.

Tati: „Das ist ein wichtiger Punkt. Vielleicht liegt ein Problem darin, dass Mode für viele als rein kommerzielles Produkt gesehen wird, während es auch eine Kunstform sein kann.Genau, es gibt super ausgefallene Showpieces, die nie verkauft werden, sondern nur für Popstars oder als Image dienen. Daneben gibt es Alltagskleidung, die kommerzieller ist und für den breiten Markt bestimmt ist. Die meisten Menschen verstehen nicht, dass es verschiedene Ebenen gibt, vom exklusiven Kunstwerk bis zum T-Shirt für den Alltag. Das Verständnis dafür fehlt oft und viele urteilen schnell.“

Ein schönes Beispiel. Wie sieht es bei dir mit Social Media aus? Nutzt du neben Instagram auch andere Plattformen für deine Arbeit?

Tati:Instagram ist nach wie vor sehr wichtig, aber die Plattform hat sich stark verändert. Früher ging es mehr um Fotos und Prozesse, heute ist es eher eine Video-App geworden. TikTok gewinnt immer mehr an Bedeutung, gerade bei jungen Leuten. Ich habe dieses Jahr auch angefangen, TikTok etwas regelmäßiger zu nutzen, obwohl ich kein großer Fan war. Aber die Reichweite und der Videokonsum sind dort einfach riesig. Instagram wird wahrscheinlich noch für die etwas ältere Generation zwischen 25 und 40 wichtig bleiben, aber ich glaube, der Trend geht klar zu TikTok.“

Das klingt realistisch.
Wie empfindest du die Infrastruktur für junge Designerinnen in der Schweiz, Deutschland oder Frankreich? Gibt es genügend Unterstützung und Fördermöglichkeiten? Oder siehst du da noch Verbesserungsbedarf?

Tati: „Ich würde mal behaupten, dass es in Frankreich extrem kompetitiv ist. Es ist sehr schwierig, Fördergelder zu bekommen. Soweit ich weiß, gibt es dort keine Förderungen wie etwa die Wilhelm-Lorch-Stiftung in Deutschland. Ich habe mich wirklich informiert, aber nichts Vergleichbares gefunden.

Es gibt zwar das Festival villa Noailles in Südfrankreich , das sehr groß ist, aber auch sehr elitär. Ich glaube, dort haben nur Leute Chancen, die an renommierten Schulen wie Parsons, dem IFM oder der CSM (Central Saint Martins) in London studiert haben. Sogar von der CSM nehmen sie wohl nicht jeden. Es ist sehr französisch geprägt. Ich denke, jemand aus Deutschland, den USA oder sogar von der UdK (Universität der Künste, Berlin) oder Weißensee, Berlin hätte dort kaum eine Chance.

Kurz gesagt: Das ist auch ein Grund für mich, zurück nach Basel zu kommen. In der Schweiz gibt es weniger Konkurrenz, dafür sehr viele Fördergelder, die regelmäßig ausgeschüttet werden, weil einfach nie genug Geld vorhanden ist. Wenn man wie ich im Ausland studiert hat und dann zurückkommt, hat man dort sehr gute Chancen. Die Konkurrenz ist nicht so groß. In Deutschland gibt es zwar auch Programme wie die Wilhelm-Lorch-Stiftung oder Förderungen an der UdK, die etwa 2000 Euro im Monat bieten, um eine Brand aufzubauen. Ich kenne einige, die das gemacht haben. Aber dort ist die Konkurrenz einfach größer.

Ich beziehe mich oft auf den German Fashion Council, der in den letzten Jahren Förderprogramme etabliert hat, die ich super finde. Gerade in Berlin gibt es viel Unterstützung, etwa wenn man eine eigene Show machen will oder nach dem Studium Weiterbildungsprogramme sucht.

Ich finde Deutschland und die Schweiz daher sehr gute Standorte mit viel Unterstützung. Selbst meine französischen Freunde, die Brands gegründet haben, sagen, dass man in Frankreich nur mit gutem Französisch und aus Paris kommend Vorteile hat. Für internationale Designer ist es dort schwieriger. Meist braucht man einen lokalen Partner.

In jedem Land gibt es so einen Fashion Council, der unterstützend wirkt. London wäre sicher am besten, aber dort sind die Lebenshaltungskosten und Studiopreise sehr hoch. Es ist extrem kompetitiv und ohne einen Abschluss von der CSM fast unmöglich, Fuß zu fassen.“

Super spannend. Du wurdest ja auch kürzlich in der deutschen VOGUE erwähnt, in der Ausgabe mit den 55 Labels zum Entdecken auf Seite 90. Wie kam das zustande und gab es Reaktionen darauf?

Tati: „Ja, das war cool. Einerseits kenne ich Patrick, der die TikTok-Videos für Vogue Germany macht, weil ich beim German Fashion Council FASHION X CRAFT Programm war. Dort hatten wir einen Aufenthalt in England, und ich habe ihn dadurch kennengelernt. Er kannte mich also schon ein bisschen.

Außerdem habe ich oft beim Berliner Salon ausgestellt, wo wir uns ebenfalls austauschten. Irgendwann haben sie angekündigt, junge Labels vorzustellen, und ich habe Patrick angeschrieben. Ich glaube, er erinnerte sich daran.

Solche Features sind oft eine Mischung: Manche Redakteure oder Influencer sind Fans und wollen unterstützen, andere kommen über Wettbewerbe oder private Kontakte dazu. Es ist also meistens ein Mix aus persönlichen Verbindungen und Qualität der Arbeit.“

Wir hatten gerade über Kontakte gesprochen. Was, glaubst du, sind die wichtigsten Faktoren, um sich in der Modebranche durchzusetzen und erfolgreich zu sein? Ich habe einige Punkte vorbereitet: finanzielle Mittel, Talent, Studienabschluss, Kontakte und Sprachkenntnisse.

Tati: „Für eine eigene Brand ist Durchhaltevermögen das Allerwichtigste. Dann kommen finanzielle Mittel, denn am Anfang muss man seinen Lebensunterhalt sichern und gleichzeitig in die Brand investieren. Studienabschluss sehe ich an dritter Stelle, weil die Uni neben Wissen vor allem wichtige Kontakte und Sichtbarkeit bringt.

Wettbewerbe sind auch wichtig, um Kontakte zu knüpfen. Ich war eine der Ersten von der IFM, die in einem italienischen Wettbewerb Finalistin war, was mir enorm geholfen hat. Danach folgen Sprachkenntnisse und Talent.“

Du schätzt Talent also nicht ganz so hoch ein?

Tati: „Genau. Talent ist wichtig, aber nicht das Entscheidende. Ich kenne viele extrem talentierte Leute, die aber keinen Business-Sinn haben. Sie sind oft künstlerisch frei und haben keine Kontrolle über ihr Business. Man braucht jemanden, der das Management übernimmt. Viele sind emotional, haben ihre Höhen und Tiefen und können sich selbst nicht gut organisieren. Talent allein reicht nicht, um daraus ein nachhaltiges Business zu machen.

Ich kenne Leute, deren Arbeit ich liebe und die riesiges Potenzial haben. Mit professionellem Management könnte man daraus ein Business machen, aber sie schaffen das selbst oft nicht.

Am Schluss würde ich sagen, dass Sprachkenntnisse nicht so wichtig sind. Talent auf Platz vier klingt komisch, aber so ist es aus meiner Erfahrung.

Obwohl Sprachen können sehr wichtig sein. Ich gehe davon aus, dass man Englisch spricht. Das ist heutzutage unverzichtbar. Viele denken, man könne mit Übersetzungen auskommen, aber ich finde, wenn man ein eigenes Business aufbauen will, muss alles auf Englisch sein, um eine größere Reichweite zu erzielen. Nur auf Deutsch oder Französisch zu kommunizieren, reicht heute nicht mehr.

Ich überlege gerade… Wenn ein Produkt nicht ganz überzeugt, spielt Community Building eine große Rolle. Eine coole Idee allein reicht nicht. Man muss eine Community aufbauen.

Ich kenne jemanden in Basel, die hat in den letzten fünf Jahren eine sehr starke Community aufgebaut. Das sind vor allem ältere Schweizer Frauen, die Kaufkraft haben. Ihre Designs sprechen diese Zielgruppe an. Vielleicht nicht unbedingt super modern, eher schlicht, aber sehr erfrischend für diese Kundinnen.

Ich bewundere sie sehr, weil sie es geschafft hat, durch Community Geld zu verdienen und gleichzeitig kreativ zu bleiben. Ihr Talent sehe ich genau darin.“

Das klingt spannend. Was sagen denn andere Designer dazu?

Tati: „Einige Freunde, die an internationalen Modeschulen studieren, fanden ihre Designs zunächst seltsam oder wenig „trendy“. Sie konnten das Branding nicht verstehen und waren eher kritisch.

Aber ganz ehrlich: Sie verdient mit ihren Produkten Geld, hat Spaß daran und hat eine Community aufgebaut. Sie ist nicht von wohlhabenden Eltern abhängig, sondern macht ihr Ding.

Ich kenne auch eine andere Brand in Paris, deren Gründerin von ihren Eltern finanziert wird. Sie verdient seit Jahren kein Geld. Da frage ich mich manchmal schon, was erfolgreicher ist.“

Das ist ein spannender Punkt. Ist es also wichtiger, ein Geschäftsmodell aufzubauen, als das perfekte Design zu haben?

Tati: „Genau. Ich weiß, das ist vielleicht nicht der klassische „Talent“-Begriff, aber ich finde, die Fähigkeit, eine Community aufzubauen und ein Business zu managen, ist ein ganz eigenes Talent.“

Da stimme ich dir zu!
Was würdest du deinem jüngeren Ich raten, wenn du zurückblickst?

Tati: „„Take yourself seriously.“ – Manchmal war ich naiv und habe mein Studium einfach so gemacht, ohne richtig an die Realität zu denken. Zum Beispiel habe ich im Bachelor Ohrringe verkauft – eher aus Spaß. Damals dachte ich nicht wirklich daran, daraus ein ernsthaftes Business zu machen.

Jetzt weiß ich: Man muss an sich selbst glauben und sich ernst nehmen. Man braucht Durchhaltevermögen und die Überzeugung, dass das, was man macht, funktioniert. Das gibt Kraft.“

Gab es ein Feedback, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Tati: „Offline habe ich oft erlebt, dass vor allem Frauen aus älteren Generationen auf meine Arbeiten reagiert haben. Viele konnten sich mit meinen Themen identifizieren, weil sie selbst nicht offen darüber sprechen konnten. Das fand ich sehr berührend.

Online bekomme ich oft positives Feedback für die Punk-Ästhetik und die Botschaft hinter meiner Arbeit. Ich bin froh, dass mein Netzwerk als spannend und nicht langweilig wahrgenommen wird.

Negatives Feedback gab es auch. Manche fanden es zu direkt oder provozierend, vor allem bei kontroversen Themen wie Masturbation. Das hat zu Triggerreaktionen geführt, die ich aber eher als Zeichen sehe, dass die Themen wirken.“

© Tati
The Power of My Hands, 2022

Was sind Labels, die du gerade besonders spannend findest?

Tati: „Ich würde meine eigenen Sachen sofort für Chopova Lowena aufgeben. Kennst du die? Die sind aus London, arbeiten mit Trachten-Elementen und haben einen ganz eigenen Stil – sehr cool und frisch.

Außerdem liebe ich Charles Jeffrey Loverboy. Ich habe für sie gearbeitet und finde, was sie machen, ist fantastisch. Das Team ist super, und ich würde sofort wieder für sie arbeiten, auch für wenig Geld.“

Und was steht bei dir als Nächstes an?

Tati: „Ich werde auf der Mode Suisse in Zürich ausstellen – das wird richtig spannend. Danach arbeite ich an einer neuen Kollektion, die ich hoffentlich im März nächsten Jahres zeigen kann.“

Wäre für dich eine Fashion Show mal eine Option?

Tati: „Ja, Mode Suisse ist genau so eine Show, die junge Designerinnen repräsentiert. Das Ganze ist komplett gesponsert, was natürlich großartig ist.“

Das klingt sehr spannend! Ich wünsch dir dabei viel Erfolg und bin sehr auf Deine nächsten Projekte gespannt.


Vielen Dank für deine Zeit und deine Offenheit, liebe Tati!