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The Antwerp Six

Paris, Mailand, London und New York gehören zu den sogenannten „Big Four“ – also die vier bedeutendsten Modestädte der Welt. Doch neben diesen Metropolen gibt es ebenfalls kleinere, unbekanntere Städte, die das Geschehen in der Modebranche ebenfalls maßgeblich beeinflussen. Dazu gehört unter anderem Antwerpen. Wie es dazu kam und welche Einflüsse der Standort noch heute hat, wird hier erklärt.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

In Antwerpen besteht eine der vier ältesten Kunsthochschulen in Europa. 1663 gegründet, blickt die Royal Academy of Fine Arts (dt. Königliche Akademie für Schöne Künste) auf eine lange Geschichte zurück. Um jedoch die Bedeutung des Standortes Antwerpen für zeitgenössische Mode zu erklären, ist zunächst ein Sprung in die 1960er-Jahre notwendig.

1963 wurde mit dem Kurs Mode- und Dekorationszeichnen der erste Studiengang im Bereich Mode an der Akademie ins Leben gerufen. Die Leitung unterlag Mary Prijot. Die Gesellschaft befand sich damals in einem großen Umbruch, während sich der Textil- und Bekleidungssektor Belgiens in großen Schwierigkeiten befand. Daher wurde die Regierung beauftragt, einen Fünfjahresplan anzufertigen, um junge Talente zu fördern und die gesamte Industrie in Schwung zu bringen.

Im akademischen Jahr 1965/1966 wurde der besagte Kurs in Mode- und Theaterkostüme umbenannt. Mary Prijot bekam hier Unterstützung von Marthe Van Leemput, die sich mehr auf die technischen Aspekte des Studiums konzentrierte.

Bereits im darauffolgenden Jahrzehnt konnten die ersten Erfolge von Alumni verzeichnet werden. So schaffte es Phara Van den Boeck, innerhalb von sechs Monaten einen Job als Stylistin bei Gianni Versace in Mailand zu bekommen. Darüber wurde ebenfalls in der flämischen Presse berichtet.

Artikel über Phara Van den Boeck vom 12./13. Mai 1979, geschrieben von A. Adriaenssen

Nach den Anfängen ist ein Zeitsprung in die 1980er-Jahre relevant, denn die Antwerp Six bezeichnen ein Designkollektiv, das in diesem Jahrzehnt den internationalen Durchbruch schaffte und dadurch die flämische Mode international populär machte.

Zur Gruppe gehörten die Designer Dirk Bikkembergs, Ann DemeulemeesterWalter Van BeirendonckDries Van Noten, Dirk Van Saene und Marina Yee.

Um eine chronologische Reihenfolge einzuhalten, ist ein Blick in die Studienzeit der Mitglieder notwendig. Jede*r der Designer*innen studierte an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen, währenddessen sich die Studierenden kennenlernten. Im Jahr 1986 fuhren die ambitionierten Designer mit einem LKW nach London und nahmen dort an der Fashion Week teil. Jedoch erhielt die Gruppe hier nur einen Platz im zweiten Stock, um ihre Kollektionen zu präsentieren. Die gefragtesten Brands waren bereits auf der ersten Etage vertreten, wodurch die Einkäufer keine Notwendigkeit mehr sahen, die zweite Etage aufzusuchen.

Aufgrund dessen verteilten die Antwerp Six am nächsten Tag Flyer mit dem Slogan „Come up and see the ,Antwerp Six‘!“, wodurch die Einkäufer angelockt werden sollten. Die Initiative zeigte Wirkung! Die Einkäufer und vor allem die Presse wurden unmittelbar auf die Talente aufmerksam. Um die schwierige Aussprache der flämischen Namen zu umgehen, übernahm primär die britische Presse die Bezeichnung „The Antwerp Six“.

Die Antwerp Six in den 1980er Jahren – v.l.n.r. Marina Yee, Dries van Noten, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dirk Bikkembergs und Dirk Van Saene.

Der Erfolg der Designs lag im Kontrast zu den gängigen und erfolgreichen Marken wie Burberry, die eine sehr klassische Ästhetik mit klaren Silhouetten anboten. Die Antwerp Six setzen auf unkonventionelle Schnitte, Silhouetten und Farben.

Neben dem bereits erklärten Begriff stößt man bei einer intensiveren Recherche ebenfalls auf den Begriff „The Antwerp 6+1“, der den Designer Martin Margiela mit einschließt. Jedoch ist der Designer kein Teil der Gruppe. Er studierte zwar zur gleichen Zeit an der Akademie in Antwerpen, jedoch fuhr er nicht mit nach London, da er zu der Zeit bereits ein Praktikum bei Jean-Paul Gaultier in Paris absolvierte. Nichtsdestotrotz wird sein Name oft mit dem Mythos der Antwerp Six assoziiert.

Der Lauf der Zeit

Es folgt ein Zeitstrahl, der die wohl bekanntesten und erfolgreichsten Designer aus der Stadt beinhaltet, die zum Großteil Absolventen der Royal Academy sind.

Das Eingangstor zur Royal Academy of Fine Arts, Antwerpen
Reunion der Antwerp Six – v.l.n.r. Marina Yee, Dries van Noten, Ann Demeulemeester, Dirk Bikkembergs, Walter van Beirendonck und Dirk Van Saene
  • 2023Haider Ackermann, der ebenfalls ein Studium in Antwerpen begann, jedoch nicht abschloss, wurde auserwählt, die Frühling/Sommer-Haute-Couture-Kollektion für Jean Paul Gaultier zu designen.

  • 2024 – Der neue Kreativdirektor bei TOM FORD wird niemand Geringerer als Haider Ackermann. Damit ist ein weiterer Absolvent der Royal Academy of Arts in einer der Top-Positionen der internationalen Modebranche angekommen.

  • 2025 – Demna wird neuer Kreativdirektor bei GUCCI und tritt damit die Nachfolge von Sabato De Sarno an. Die Reaktionen an der Pariser Börse waren deutlich: Die Aktie des Kering-Konzerns ist in den darauffolgenden Tagen um 13 % eingebrochen.

    Ebenfalls in 2025 – Glenn Martens wird zum Kreativdirektor von Maison Margiela ernannt. Sein Debüt feiert er im Juli 2025 während der Haute Couture Fashion Week in Paris.

  • 2025 – Marina Yee stirbt am 1. November.

  • 2025 – Olivier Rousteing verlässt nach 14 Jahren Balmain, und Antonin Tron wird neuer Kreativdirektor des Hauses. Tron schloss 2008 sein Studium in Antwerpen ab und sammelte anschließend Erfahrungen bei Louis Vuitton sowie Balenciaga. Besondere Aufmerksamkeit erlangte er zudem mit seinem eigenen Label Atlein.

  • 2026 – Pieter Mulier wird zum neuen Kreativdirektor von Versace ernannt. Kurz nachdem Prada das Label von Capri Holdings übernommen hat, wurde Dario Vitale entlassen. Im Februar 2026 verlässt Mulier Alaïa; wenige Tage später wird seine Übernahme der kreativen Leitung bei Versace bekannt gegeben.

    Ebenfalls in 2026 – zum 40-jährigen Jubiläum findet die Ausstellung „The Antwerp Six“ vom 28. März 2026 bis zum 17. Januar 2027 im MoMu – Modemuseum Antwerpen statt.


    Bewertung: 3.5 von 5.

Die folgende Grafik liefert eine detaillierte Übersicht über die einflussreichsten Designer*innen im Bereich der Womenswear seit Beginn des 21. Jahrhunderts. Sie stellt die bedeutendsten Modehäuser vor und zeigt, welche kreativen Köpfe sie in welchen Zeiträumen geprägt haben. Designer mit Verbindung zur Stadt Antwerpen sind farblich hervorgehoben.

Die Übersicht wird regelmäßig aktualisiert (Stand: Februar 2026). Die vollständige Grafik steht hier kostenlos zum Download bereit.

Den kommerziellen Erfolg des Kollektivs nutzte natürlich auch jedes Individuum, um seine eigene Marke in der Modeindustrie zu etablieren. Der wirtschaftlich erfolgreichste ist bis heute Dries van Noten, der mit seinen neuesten Kollektionen immer Teil der Paris Fashion Week ist. Am 19. März 2024 verkündete Dries van Noten seinen Rücktritt als Kreativdirektor auf Instagram. Daher war die darauffolgende Men’s Frühling/Sommer-2025-Kollektion seine letzte.

Dries van Notens letzte Show im Juni 2024

Der Mythos der Antwerp Six ist heute noch sehr lebendig in der Stadt und gab der kreativen Industrie in Antwerpen ein Selbstbewusstsein und einen Aufschwung, der bis heute anhält.

Habt ihr schon einmal vom Mythos der Antwerp Six gehört?

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